Das 17. Jahrhundert, das goldene Jahrhundert der Uhrmacherei (Teil 2)
Von: Sílvio Pereira
Wie im vorigen Artikel vom 24-12-2022 versprochen, stellen wir nun den zweiten von drei Teilen vor, die der Uhrmacherei des 17. Jahrhunderts gewidmet sind, das als das goldene Jahrhundert gilt. Dieser 2. Teil ist der Uhrmacherei gewidmet, die in diesem Jahrhundert in Frankreich entstand.

Das 17. Jahrhundert in der französischen Uhrmacherei
Die Aufhebung des Edikts von Nantes (das den Hugenotten religiöse Toleranz zusicherte) im Oktober 1685 durch Ludwig XIV., den Enkel Heinrichs IV. (der es ursprünglich unterzeichnet hatte), löste einen Exodus von Protestanten aus und verstärkte die Feindseligkeit der protestantischen Nationen, die an Frankreich grenzten. Unter diesen Menschen waren auch viele gute Uhrmacher. Das trug zum Niedergang der französischen Produktion im Vergleich zur englischen bei. In Frankreich tauchten neben den üblichen runden oder eiförmigen Gehäuseformen auch andere mit seltsamen Formen auf. Es wurden Uhren in Form von Herz, Efeu, Kreuz, Kugel, Muschel, Totenkopf und Tulpe gefertigt. Die meisten dieser Uhren haben Vorderseiten aus Bergkristall, damit die Zeit abgelesen werden kann, ohne das Gehäuse zu öffnen (Glas stand für Uhren erst ab 1650 zur Verfügung).

Verschiedene Uhrenformen. Von links nach rechts: Blume, Jakobsmuschel, Kreuz, Kürbis und in Form eines Buches. Ashmolean Museum, Oxford.

Exemplar mit Emailzifferblatt. IWM, La Chaux-de-Fonds, Schweiz
Um 1630 wurden viele Gehäuse kunstvoll mit biblischen oder mythologischen Szenen emailliert. Auch die Zifferblätter begann man in leuchtenden Farben zu bemalen. Dieser Stil wurde in Frankreich eingeführt, vor allem in Paris, Blois und Limoges. Die meisten Arbeiten nach 1660 entstanden in der Schweiz, wobei Genf das wichtigste Zentrum war. Während der Herrschaft Ludwigs XIV. wurden die Uhren wieder rund und riesig. Wegen ihrer Größe und ihrer rundlichen Form nannte man sie bald „oignons“ (Zwiebeln). Ihr Durchmesser kann 55 mm erreichen, bei einem Abstand von 17 mm zwischen Brücken und Platinen. Die Gehäuse aus vergoldetem Messing sind meist graviert, die Zifferblätter bestehen aus emailliertem Messing mit großen schwarzen oder blauen römischen Ziffern (wie bei dem Exemplar aus der Sammlung des Autors, das im vorigen Artikel vorgestellt wurde). Manche Zifferblätter sind aus vergoldetem Messing mit emaillierten Kartuschen für die Stunden. Es finden sich bereits einige astronomische Angaben wie Tag/Datum, Mondphasen, Tierkreiszeichen und sogar die Zeitgleichung.
Uhren waren ein Privileg der Reichen und galten, besonders unter der Herrschaft Ludwigs XIV., als Statussymbol, daher die große Form. Der König selbst liebte die Uhrmacherei sehr und ermöglichte und förderte wissenschaftliche Forschungen auf diesem Gebiet.
Pierre Le Seyne, Paris, ca. 1615

Auf dem Bild oben sind die Reste eines französischen Werks zu sehen, das um 1610 von dem Pariser Uhrmacher Pierre Le Seyne gefertigt wurde. Leider ist die gesamte Zugfeder verschwunden; geblieben sind nur die Platinen, das gravierte Zifferblatt, die runden Balusterpfeiler, der stählerne Anschlag und die Stahlteile des Regulierrads.
Dieses Werk ist im deutschen oder englischen puritanischen Stil gefertigt, ohne große Verzierungen. Die späten deutschen Ausführungen sind als „Nürnberger Ei“ bekannt (die Nürnberger Eier).
Pierre Le Seyne ist im „Palais de Paris“ verzeichnet, mit einer Tätigkeit zwischen 1612 und 1648. 1616 wurde er zum Juré gewählt.
Privatsammlung (Vereinigtes Königreich)
Thomas Ribart, Paris, um 1625

Auf diesen Bildern ist ein kleines ovales Werk aus vergoldetem Messing zu bewundern. Die Zifferblattplatine ist reich mit gravierten Früchten und exotischen Tieren verziert. Darunter die erst kurz zuvor entdeckte Ananas, die als Symbol des Willkommens bekannt ist. Das versilberte Zifferblatt ist mit einer ländlichen Szene graviert, die ein Dorf, eine Kirche, Schafe und einen Mann zeigt, der die Schafe hütet. Das Werk ist mit einem einzigen Stahlzeiger zur Anzeige der Stunden ausgestattet.
Das Werk mit Spindelhemmung (verge) wurde über eine Saite aus Schweinedarm angetrieben; später (um 1650) wurde diese nach und nach durch eine widerstandsfähigere Kette ersetzt.
Der Kloben (Unruhbrücke) ist mit einem Stift befestigt; auch diese Konstruktion wurde später durch die Verwendung einer Schraube verstärkt.
Thomas Ribart war Uhrmachermeister in Paris, in der „rue de la Pelleterie, enseigne des Singes“, verzeichnet seit 1604.
Privatsammlung (SCT)
Uhrgehäuse „Tulpe“, Frankreich, 1635

Bronze, moderne Reproduktion eines tulpenförmigen Gehäuses vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Dieses meist recht kleine Gehäuse ahmte die damals sehr teure Blume nach, die vor allem in Holland gezüchtet wurde. Manchmal waren die „Blütenblätter“ mit Bergkristall oder bemalten Porzellanfeldern eingelegt. Der Tulpenanbau begann in Persien, wahrscheinlich im 10. Jahrhundert. Carolus Clusius ist maßgeblich für die Verbreitung der Tulpenzwiebeln in Europa in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts verantwortlich. Er vollendete 1592 die erste große Forschungsarbeit über Tulpen und hielt die Farbvarianten fest. Als Mitglied des Lehrkörpers der medizinischen Fakultät der Universität Leiden (Holland) legte Clusius in seinem Privatgarten einen Lehrgarten mit Tulpen an. 1596 und 1598 wurden aus seinem Garten jeweils auf einen Schlag mehr als hundert Zwiebeln gestohlen.
Zwischen 1634 und 1637 löste die Begeisterung für die neuen Blumen einen Spekulationsrausch aus, der als „Tulpenmanie“ bekannt wurde. Die Zwiebeln wurden so teuer, dass sie wie eine Art Währung behandelt wurden, oder besser gesagt wie Terminkontrakte. In dieser Zeit wurde eine Tulpenvase aus Keramik für die Präsentation von Schnittblumen entworfen. Vasen und Sträuße, meist mit Tulpen, erschienen häufig in niederländischen Stillleben. Bis heute werden Tulpen mit Holland verbunden, und die Zuchtformen der Tulpe werden oft „holländische Tulpen“ genannt. Holland besitzt mit dem Keukenhof die größte dauerhafte Tulpenschau der Welt.
Uhrgehäuse „Memento Mori“, Frankreich, 1650

„Memento mori“ aus Silber, moderne Reproduktion eines Uhrgehäuses aus der Mitte des 17. Jahrhunderts in Form eines menschlichen Schädels. Dieses Gehäuse wurde genau so gefertigt wie vor mehr als 300 Jahren. Früher waren Uhren eine passende Mahnung daran, dass die eigene Zeit auf Erden mit jeder verstreichenden Minute kürzer wird. Öffentliche Uhren wurden mit Sinnsprüchen verziert wie „ultima forsan“ („vielleicht die letzte“ [Stunde]) oder „vulnerant omnes, ultima necat“ („alle verwunden, die letzte tötet“). Noch heute tragen Uhren oft den Sinnspruch „tempus fugit“ („die Zeit flieht“). Manche alten Uhren hatten Automaten, die erschienen und die Stunde schlugen; einige der berühmten Automatenuhren aus Augsburg in Deutschland zeigten den Tod, der die Stunde schlägt.
Die verschiedenen computergestützten „Todesuhren“ lassen diese alte Idee wieder aufleben. Die Menschen trugen kleinere Mahnungen an ihre eigene Sterblichkeit bei sich. Diese tragbaren „Memento Mori“-Uhren kamen um 1650 in Frankreich und Großbritannien in Mode und tauchten Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf. Maria, Königin der Schotten, besaß eine große Uhr in Form eines silbernen Totenkopfs, verziert mit den Versen des Horaz.
Balthazar (l'Ainé) & Gilles Martinot, Paris, 1675


Auf diesen Bildern sehen wir eine Uhr aus vergoldetem Messing, Werk mit Spindelhemmung (verge) ohne Schnecke, dreischenklige Messingunruh mit stählerner Unruhfeder (Spirale). Schnecke durch ein zusätzliches viertes Rad ersetzt. Kloben aus vergoldetem Silber (Vermeil) mit zwei Füßen. Da die Kette fehlt, ist auch das Federhaus mit einem Rad versehen. Es fehlen das Stundenrad, die Zifferblattplatine, das Zifferblatt und der Stundenzeiger. Gehäuse aus vergoldetem Silber (Vermeil) mit einem für das späte 17. Jahrhundert typischen Dekor wie Muscheln und Voluten.
Die Einführung der Spiralfeder revolutionierte die Zeitmessung. Vor dem Hinzufügen der Spiralfeder wichen Uhren um bis zu 40 Minuten pro Tag ab. Der unglaubliche Gewinn an Genauigkeit ließ viele Uhrmacher (darunter Thomas Tompion) glauben, sie könnten einfachere Uhren bauen und die Genauigkeit beibehalten, indem sie die Schnecke und die Kette wegließen. Ein Denkfehler, der sehr schnell korrigiert wurde, indem man die Spiralfeder hinzufügte und die Schnecke wieder einführte. Die meisten Uhren mit Spindelhemmung (verge) ohne Schnecke aus der Zeit von 1675 – 1680 waren Neukonstruktionen; einige sind jedoch umgebaute Uhren, die zuvor mit einer Schnecke ausgestattet gewesen waren. Nur wenige dieser Uhren haben überlebt, denn die Kunden bemerkten rasch die mangelnde Genauigkeit, die durch das Fehlen der Schnecke verursacht wurde, und warfen diese Uhren weg oder tauschten sie gegen Exemplare mit Schnecke und Schraubenfeder.
Christiaan Huygens 14.4.1629 – 8.7.1695

1675 revolutionierte Christiaan Huygens, ein niederländischer Physiker und Mathematiker, die Genauigkeit der Zeitmessung, indem er die Spiralfeder einführte. 1665 zog er nach Paris, wo er 15 Jahre blieb, finanziert von Colbert, dem Finanzminister König Ludwigs XIV. Huygens untersuchte Schwingungen und begann sich für die Zeitmessung zu interessieren. 1657 erfand er das Pendel als Regulierorgan der Großuhren, wodurch diese eine bis dahin unbekannte Genauigkeit erreichten. Bei späteren Untersuchungen zu diesem Thema erkannte er die Parallelen zwischen den Schwingungen eines Pendels und der Formänderung einer Feder. Indem er der Unruh einer Uhr eine Feder hinzufügte, wollte er isochrone Schwingungen ähnlich denen eines Pendels erreichen. Die Originalaufzeichnungen zeigen, dass die Form, die er für diese Feder wählte, tatsächlich eine Spirale war.
Huygens beauftragte den Pariser Uhrmacher Isaac Thuret mit dem Bau einer Uhr mit Spiralfeder. Das erste Modell wurde am 22. Januar 1675 fertiggestellt. Thuret war von der Genauigkeit der Uhr so beeindruckt, dass er eine zweite baute. Außerdem begann er, über diese neuen und verbesserten Uhren zu sprechen, und ließ die Leute glauben, er habe das neue System erfunden. Er versuchte sogar, es patentieren zu lassen, doch Huygens' Eingreifen brachte ihn dazu, einen Entschuldigungsbrief zu schreiben, in dem er einräumt, dass Huygens tatsächlich der Erfinder ist. Die Erfindung wurde dann am 25. Februar 1675 im „Journal des Sçavans“ veröffentlicht.
Seltsamerweise ist Huygens am Ende vielleicht gar nicht der Erfinder der Spiralfeder! Jean de Hautefeuille, ein französischer Priester, Erfinder und Wissenschaftler, stellte seine Erfindung der Spiralfeder am 7. Juli 1674 der Französischen Akademie der Wissenschaften vor, die sie ablehnte.
Zudem war es nicht Thuret, sondern Huygens, der mit Hautefeuille in Kontakt stand und dessen Erlaubnis erhielt, die Spiralfeder in seinen Uhren zu verwenden, mit dem Argument, er habe sie verbessert und in die Praxis umgesetzt. 1675 protestierte Hautefeuille noch gegen die Zuschreibung der Erfindung an Huygens, konnte aber nichts beweisen und gab schließlich auf.
Allerdings beanspruchte auch ein englischer Erfinder die Vervollkommnung der Spiralfeder für sich, als Thomas Tompion und Robert Seignior irgendwann zwischen 1675 und 1680 die Ideen von Hooke und Huygens in einer kleinen Serie von Uhren für den König weiterentwickelten.
Abraham Yver, Angoulême, 1680


Die Bilder oben zeigen eine Uhr aus vergoldetem Messing, Werk mit Schnecke, Spindelhemmung (verge), 46,7 mm Durchmesser. Hohe ägyptische Pfeiler. Es fehlt alles außer der Schnecke und der Welle der Zugfeder. Sie dürfte einen großen, reich verzierten Kloben mit kleinem Spannungsregler für die Unruhfeder und ein weiß emailliertes Kupferzifferblatt gehabt haben. Es ist das Relikt eines sehr frühen Typs von „Oignon“-Werk (Zwiebel).
Abraham Yver (Hyver oder Yuer, 1620 – 1680), der Stammvater einer Familie, die zu einer der einflussreichsten Uhrmacherfamilien Nordfrankreichs werden sollte. Im „Memoire sur la Généralité de Limoges“, veröffentlicht 1698, ist zu lesen, dass die Familie Yver aus Angoulême in den Städten Saintes, Blois, Poitiers und anderen beim Königshaus den besten Ruf genoss. Alle Mitglieder der Familie waren Protestanten, und es gab Verbindungen zu Uhrmachern in Blois. Zehn Mitglieder der Familie Yver sind zwischen 1670 und 1783 als in Angoulême tätig verzeichnet.
Französische „Oignon“-Zifferblätter, 1685 – 1700



Dies sind Zifferblätter aus vergoldetem Kupfer mit weiß emaillierten Kartuschen (47 – 50,3 mm). Kartuschen mit blauen oder schwarzen römischen Ziffern für die Stunden und kleine Kartuschen für die arabischen Minuten (die meisten fehlen). Drei Stifte zur Befestigung an der Zifferblattplatine. Öffnungen für die Gehäuseschraube, das Stunden- und Minutentrieb und das Aufzugsloch der Zugfeder. Vergoldete Mittelfelder, verziert mit symmetrischem Rollwerk, Tieren und architektonischen Elementen
Die ersten Zifferblätter für die Uhren im „Zwiebelstil“, die während der Herrschaft Ludwigs XIV. in Mode waren, hatten eine Kupferbasis mit weißem Email und blau oder schwarz emaillierten römischen Ziffern sowie arabischen Minutenziffern. Zunächst mit einigen dekorativen Merkmalen versehen, wurden sie um 1685 vergoldet, mit emaillierten Kartuschen und blauen oder schwarzen römischen Ziffern. Manche Typen behalten die arabische Minutenangabe in kleinen separaten Kartuschen am Rand bei. Die meisten Zifferblätter dieses Typs haben einen eingesetzten emaillierten Ring mit Fünf-Minuten-Markierungen. Diese Zifferblätter wurden mit den ersten einzeigrigen „Zwiebeln“ oder mit zweizeigrigen Ausführungen verwendet, sobald der Minutenzeiger eingeführt war. Größere Ausführungen dieser Zifferblätter wurden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts für Kaminuhren verwendet. Nicht nur die französischen Hersteller verwendeten diese Zifferblätter, auch die schweizerischen, deutschen und italienischen folgten dem französischen Geschmack Ludwigs XIV.
Mousset, Paris, um 1690



Hier haben wir eine Konsularuhr aus vergoldetem Messing (Gehäuse 55,9 mm, Oignon), Werk mit Schnecke und Spindelhemmung (verge) mit kleinem Regulator, Kloben mit zwei Füßen und großem Durchmesser (30,9 mm) mit einer dreischenkligen Stahlunruh. Rückplatine signiert „MOVSSET A PARIS“. Mit ägyptischen Pfeilern, vergoldetem Kupfer, graviertem Zifferblatt mit emaillierten Kartuschen mit dunkelblau gemalten römischen Ziffern und einem Stahlzeiger.
Privatsammlung, Bordeaux (F)
Im dritten und letzten Teil dieses dem 17. Jahrhundert gewidmeten Artikels werden wir über die Uhrmacherei der Schweiz (Genf) und der Niederlande sprechen.





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